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25. Februar 2020

Interoperability

Die »App auf Rezept« und die elektronisch Patientenakte (ePA) kommen. Worauf müssen sich Krankenhäuser und Ärzte einstellen?

Interview mit Prof. Dr. Jörg Debatin (hih) und Dr. Kai Heitmann (hih)

Der health innovation hub (hih) des Bundesgesundheitsministeriums ist einzigartig in der Geschichte der deutschen Gesundheitspolitik: 2019 gegründet und gestartet, soll sich der Hub bereits Ende 2021 selbst nahezu überflüssig gemacht haben, in jedem Fall aber seinem Auftrag nahegekommen sein: die Digitalisierung des Gesundheitswesens in Deutschland voranzutreiben und mit Leben zu füllen. Jörg Debatin und Kai Heitmann sind im Gespräch mit dem Wissensmanager optimistisch: »Deutschland holt auf und steht 2025 an der Spitze!«
Herr Debatin, Sie sind bald ein Jahr Leiter des Anfang 2019 gegründeten health innovation hub (hih). Worüber haben Sie sich am meisten gefreut?
Über unser Team! Es repräsentiert nahezu alle Aspekte der Digitalisierung im Gesundheitswesen und das auf einem sehr hohen Niveau. Alle im Hub arbeiten interdisziplinär, über die eigenen Fachgrenzen hinaus, an der gemeinsamen Herausforderung: Wie kommen die Möglichkeiten der Digitalisierung bei den Menschen im Gesundheitswesen an? Dieses Zusammenspiel täglich zu erleben ist für mich eine große Freude.
Ihr Auftrag ist zeitlich befristet. Warum?
Unser Auftrag geht bis zum Ende der Legislaturperiode im Dezember 2021. Bis dahin wird unsere Wirkkraft als Experten mit Außensicht auch ausgeschöpft sein. Für uns heißt es dann wieder, zurück in die Praxis – aus der »Berliner Glocke« zurück in die reale Welt. Die Verankerung digitaler Lösungen im Bereich der gesundheitlichen Versorgung ist bis dann sicherlich noch nicht abgeschlossen. Aber die zentralen Weichenstellungen für eine bessere Versorgung im Jahr 2025 werden getätigt sein.
Die Zahl der Krankenhäuser und ihrer Träger sowie der Praxen und Krankenkassen wird in den nächsten Jahren weiter schrumpfen. Welche Rolle kommt Digitalisierung dabei zu?
Von den in der Diskussion befindlichen Schließungs-Horrorszenarien halte ich wenig. Einer der grundlegenden Trends in der Gesundheitsversorgung heißt: »Hin zum Patienten, am besten ins Wohnzimmer!« Dazu passt die Schließung kleiner »Vor-Ort«- Versorgungseinheiten nicht.

Statt phantasielosem »Zumachen« muss es darum gehen, heute nicht mehr zukunftsfähige Vor-Ort-Angebote unter Nutzung digitaler Versorgungspotentiale neu zu strukturieren, damit sie wieder echten Nutzen für die Menschen entfalten. Über digitale Kommunikationswege wie Tele-Konsole, Video-Überwachung etc. kann Kompetenz und Erfahrung vor Ort verfügbar gemacht werden. Selbst komplexe Diagnose-Geräte wie Kernspin- (MRT) und Computer-Tomographie (CT) können gänzlich ohne spezialisiertes Personal »aus der Ferne« betrieben werden.

»Wenn man einen schlechten Prozess digitalisiert, ist es ein digitalisierter schlechter Prozess.«

Verbleiben »Vor-Ort« braucht eine qualifizierte Erstversorgung im Rahmen einer Triage, sowie für Patienten die Möglichkeit, ein bis zwei Tage, mit qualifizierter Pflege unter Beobachtung zu bleiben.

Dauert die Therapie länger oder ist die Erkrankung zu komplex, müssen die Patienten gezielt in ein weiter entferntes Haus verlegt werden.
Herr Heitmann, Prozess-, Ressourcen- und Kosteneffizienz bei gleichzeitigem Erhalt des Qualitätsniveaus – das kommt der Quadratur des Kreises gleich. Welche Rolle spielt dabei Interoperabilität, die Fähigkeit von Systemen, Informationen auszutauschen?
Interoperabilität ist nicht nur eine technische Anforderung, sondern auch eine Frage der sozialen Aktivität. Menschen müssen miteinander reden und stellen dabei fest, dass Prozesse auch anders gestaltet und durch Digitalisierung unterstützt werden können. Wenn man einen schlechten Prozess digitalisiert, ist es ein digitalisierter schlechter Prozess. Prozess- und Inhaltsanalysen und mögliche resultierende Prozessveränderung sind Voraussetzung für Interoperabilität. So würde zum Beispiel eine Gesamtsicht des Themas Medikation eines Patienten, Therapielisten für die Ärzte, das elektronische Rezept, den Medikationsplan für den Patienten, die Entlassmedikation aus dem Krankenhaus sowie Einnahme und Nebenwirkungsdokumentation allesamt mit einbeziehen und alle Prozesse und Datenstrukturen einer einheitlichen Lösung zuführen.
Was sind die Vorteile aus Sicht der Patienten und der Leistungserbringer?
Interoperabilität bedeutet, dass ich sicher sein kann, dass ich jemanden verstehe. Es geht um eine bessere und sichere Kommunikation. Dabei können uns Computer unterstützen, Daten sicher und verlässlich zu speichern, wiederzugeben und Analysen einfach zu machen. Wenn wir uns über standardisierte Prozesse und Strukturen Gedanken machen, dient das also der Patientensicherheit. Wäre es beispielsweise nicht fantastisch, wenn der niedergelassene weiterbehandelnde Arzt die Medikamente für seinen Patienten, der gerade aus dem Krankenhaus kommt, aus dem Entlassbrief automatisiert und zuverlässig übernehmen könnte, anstatt alles noch mal neu abzutippen?
Zentrale Voraussetzung ist, dass die Daten auch fließen und verarbeitet werden können …
Ja, in der Tat. Wir müssen wissen, welche Daten anfallen und ggf. miteinander verbunden werden sollten, um sie dann verfügbar machen zu können – über welche Kanäle auch immer; zum Beispiel im Hinblick auf die direkte Kommunikation zwischen Leistungserbringern, die möglich sein muss, wie auch im Hinblick auf den Patienten als »Träger« seiner Daten im Rahmen einer elektronischen Patientenakte, die er immer mit sich führt und verfügbar machen kann, wo immer es erforderlich ist.
Die Schaffung von Mehrwert durch Kollaboration wird zum Schlüsselfaktor. Was sind die Anforderungen an ein entsprechendes »Ökosystem Krankenhaus«, an dem sich alle Firmen, auch die kleinen und mittleren Unternehmen, beteiligen können? Wird sich dabei ein eher zentralistischer oder ein dezentraler Ansatz durchsetzen?
Derzeit haben wir eine Mischung aus dezentral und zentral. Zum 1. Januar 2021 müssen alle gesetzlichen Krankenkassen in Deutschland ihren Versicherten die technische Infrastruktur für eine elektronische Patientenakte zur Verfügung stellen. Bei derzeit 130 gesetzlichen Kassen wird es 130 leicht unterschiedliche Lösungen geben. Die Spezifikationen der Gematik stellen sicher, dass alle Lösungen einen gemeinsamen »Backbone« haben, damit die notwendige Portabilität, also der Austausch der Daten, immer möglich bleibt. Nur so bleibt ein Wechsel der Krankenkasse überhaupt möglich.

Besonders schnell würde dieser gemeinsame Nenner durch die konsequente Nutzung offener, internationaler Standards erreicht. Wir sollten diese Entwicklung nicht verschlafen, sondern sie als Chance sehen, hier mitzuwirken und so die Versorgung der Menschen zu verbessern.

»2025 haben wir eine elektronische Patientenakte, über die der Bürger souverän verfügt. Sie enthält alle relevanten medizinischen Daten und ist jederzeit verfügbar.«

Die Krankenhäuser müssen beispielsweise im Rahmen der Entlass-Dokumentation die Entlassbriefe als Teil einer elektronischen Patientenakte verfügbar machen, um die intersektorale Kommunikation relevant zu verbessern. Das wäre ein Quick Win. Darüber hinaus müssen sich die Krankenhäuser die Frage stellen, wie komme ich eigentlich zum Entlassbrief? Wie kann ich meine Prozesse digitalisieren, die für die Erstellung erforderlich sind? Hier bestehen noch immer große Defizite innerhalb der deutschen Krankenhauslandschaft. Das ist kein rein technisches Problem. Das Thema ist ein sozio-technisches und bedarf eines Kulturwandels und einer Neuordnung bzw. Neu-Priorisierung der Ressourcen. IT darf nicht als Luxus missverstanden werden, sondern ist eine zwingende Voraussetzung – ohne die qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung nicht möglich ist. Aus diesen Gründen brauchen die Krankenhäuser in Deutschland einen echten Digitalisierungs-Push. Am Tag der Entlassung muss der Entlassbrief ohne viel Aufwand erstellt und selbstverständlich in der elektronischen Patientenakte zur Einsicht der nachbehandelnden Ärzte und Pflege verfügbar sein.
Wo stehen wir im Jahr 2025 beim Thema »Digital Health«?
Zunächst ist es wichtig, dass wir die Stärken und grundlegenden Werte, die unser Gesundheitssystem ausmachen, auch langfristig erhalten. Dazu gehört der Grundsatz »Meine Daten gehören mir« ebenso wie die freie Arzt-, Krankenhaus-, Krankenkassen- und Apothekenwahl. Diese Werte wollen wir nicht auf dem Altar der vermeidlichen Innovation opfern. Mit der Digitalisierung der Medizin sind wir spät gestartet. Die Geschwindigkeit, die vor allem auch der Gesundheitsminister Jens Spahn und sein Team jetzt vorlegen, ist gewaltig. Wenn wir so weitermachen, werden wir 2025 nicht nur aufgeholt haben, sondern gar eine Spitzenposition mit einer spürbar verbesserten Gesundheitsversorgung für die Menschen erreicht haben. 2025 haben wir eine elektronische Patientenakte, über die der Bürger souverän verfügt. Sie enthält alle relevanten medizinischen Daten und ist jederzeit verfügbar. Auf der Basis der darin gespeicherten Daten laufen zahlreiche digitale Anwendungen (Apps), die den Patienten bei der Bewältigung ihrer jeweiligen Erkrankung, besonders der chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Rheuma oder Rückenschmerzen, unterstützen. Den Anfang dazu machen wir bereits Mitte 2020, wenn die ersten »Apps auf Rezept« aufgrund des DVG verfügbar werden. Das wird dem gesamten System einen gewaltigen Schub nach vorne geben.
Herr Prof. Dr. Debatin, Herr Dr. Heitmann - wir bedanken uns ganz herzlich für das Interview!

Joerg Debatin
– INTERVIEWPARTNER

Prof. Dr. Jörg Debatin
Leiter
health innovation hub (hih)

Kai Heitmann
– INTERVIEWPARTNER

Dr. Kai Heitmann
Director Interoperability
health innovation hub (hih)

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