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Dr. Daniel Dettling

19. Juli 2021

Kolumne: Care statt Pflegekatastrophe

Das Alter wird zum Schlüssel einer innovativen Gesellschaft

Wir betreten Neuland. Vor uns liegt eine Gesellschaft, die in ihrer Mehrheit aus über 50-Jährigen besteht, von denen immer mehr 100 Jahre und älter werden. Die Jüngeren werden weniger, die Älteren mehr. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamts wächst der Anteil der Generation 65 plus von heute 21 Prozent auf 28 Prozent im Jahr 2030 und auf 33 Prozent im Jahr 2060. Deutschland belegt mit einem Durchschnittsalter von mehr als 47 Jahren einen Spitzenplatz in der Liste der ältesten Länder der Welt und wird nur noch von Japan übertroffen. Die demografische Revolution ist radikal. Nie zuvor haben so viele Menschen ein so hohes Alter erreicht. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist innerhalb von zwei Jahrhunderten von 40 auf 80 Jahre gestiegen. Die Chance 65 oder älter zu werden, hat sich verdreifacht.

Downaging: Warum wir uns immer jünger fühlen

Hurra, wir werden älter?! Werden wir zu einem Land der bettlägerigen Greise? Oder ist der als „Pflegenotstand“ bezeichnete demografische Wandel in Wahrheit der Schlüssel zu einer innovativen und lebenswerten Gesellschaft? Neue Studien aus der Altersforschung machen Mut. Forscher haben herausgefunden, dass Menschen, die über eine positive Selbstwahrnehmung über das eigene Altern verfügen, im Schnitt 7,5 Jahre länger leben. Menschen mit einem negativen Mindset dagegen hatten später ein doppelt so hohes Risiko, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu bekommen. Wir fühlen uns immer jünger, sind nicht nur körperlich länger gesund, sondern bleiben auch geistig länger vital. Auch wer moderne Medien und Technologien nutzt, fühlt sich oft jünger. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Smartphones Senioren um acht Jahre jünger machen: 60-Jährige fühlen sich heute körperlich und geistig so fit wie 52-Jährige vor zehn Jahren.

Altersfreundlichkeit und Barrierefreiheit sind im Trend

„Altersfreundliches und barrierefreies Wohnen“ ist inzwischen weltweit ein Trend. Mehr als 150 Länder haben ein Netzwerk altersfreundlicher Städte gegründet. Wer aufgenommen werden will, muss einen umfangreichen Kriterienkatalog erfüllen. Die Pflege älterer Menschen wird zum neuen Wachstumsmarkt. Wir brauchen im Gesundheits- und Pflegebereich ein Zusammenspiel von dezentralen Lösungen und Modellen, intelligenten Wohn- und Nachbarschaftsformen, Quartiersärzten und -schwestern, Telemedizin und Selbstorganisation. Das digitale Potenzial ist enorm: Assistenzsysteme geben Pflegekräften und Ärzten mehr Zeit für ihre eigentliche Aufgabe: sich um Menschen und Patienten zu kümmern. Corona hat den Wandel beschleunigt. Die ersten digitalen Pflegeanwendungen (Apps) kommen und unterstützen Menschen und ihre Angehörigen. Auch für Pflegekräfte werden sie gebraucht. Die neue Initiative „Pflegedigitalisierung“ (s. auch das Interview mit Prof. Kreidenweis) bringt Hersteller und Anbieter, soziale Organisationen und Wissenschaft zusammen und das Bundesforschungsministerium hat soeben einen neuen „Onlinecampus Pflege“ gestartet, eine Weiterbildungsplattform für Pflegekräfte. In vielen Ländern gibt es „Pflegeinformatik“ als akademisches Fach, warum nicht bei uns?

Der Sinn von Digitalisierung: Vernetzung, Teilhabe und Schutz

Die Digitalisierung der Pflege kann nicht nur interne Prozesse verbessern und Abläufe schneller und transparenter machen. Sie ist die Voraussetzung für eine umfassende Vernetzung von Gesundheit und Pflege. Corona hat uns allen die digitalen Defizite unseres Gesundheitssystems aufgezeigt. Aber auch die analogen. Wir haben die Ältesten nicht ausreichend schützen können und viele von ihnen monatelang isoliert und von ihrer Umwelt abgeschnitten. Der eigentliche Sinn von Digitalisierung ist Vernetzung, Teilhabe und Schutz. Von Maschinen und für Menschen.
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– AUTOR

Dr. Daniel Dettling
Institut für Zukunftspolitik

Dr. Dettling schreibt als externer Autor für KMS regelmäßig Beiträge und informiert über allgemeine und aktuelle Themen aus der Gesundheitsbranche.

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